Schweizer, arbeitet mehr! 13.10.2005, Welwoche

Schweizer, arbeitet mehr!
Ein Arbeitstag dauert nur noch 6,6 Stunden. Das reicht nicht. Was im Teilzeitparadies jetzt getan werden muss 13.10.2005, Welwoche
«Warum soll ich mich in einer Fabrik den ganzen Tag lang abmühen?», fragte der Indianer. «Damit du Geld verdienst», antwortete der Fabrikant. «Und was mache ich mit dem Geld?», fragte der Indianer. «Sparen, damit du ein Haus kaufen kannst.» ­ «Und was mache ich, wenn ich das Haus gekauft habe?» ­ «Dann lässt du dich pensionieren und hast Zeit zum Fischen», antwortete der Fabrikant. «Fischen tue ich heute schon», sagte der Indianer.Diese Anekdote steht in einem Buch, das vor einem Jahr unter dem Titel «Das Geschwätz vom Wachstum» erschienen ist, geschrieben von Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl. Ein Bestseller. Dass sich ein solches Buch so gut verkauft hat, ist symptomatisch für ein Wohlstandsland: Reiche und satte Leute können es sich eher leisten, den Sinn jenseits der Arbeitsgesellschaft zu suchen.Vorbei sind die Zeiten, als alt Unternehmer und alt Nationalrat Ulrich Bremi den Fleiss beschwor: «Wir Schweizer sind darum besser, weil wir am Morgen eine Stunde früher als alle andern zur Arbeit erscheinen.» Inzwischen sind andere Länder noch besser geworden, wie sich in den Schlagzeilen rund um die Pisa-Studien zeigt oder im «Geschwätz» um das Wachstum des Bruttoinlandprodukts. Vermutlich stehen wir auch nicht mehr so früh auf wie früher ­ und wenn es einige immer noch tun, dann um fischen zu gehen.

Jetzt tritt Jean-Pierre Roth auf, Präsident der Nationalbank, und fordert in einem Interview mit der Bilanz altbacken: «Wir sollten uns ermutigen, mehr zu arbeiten!» Dasselbe sagt Roth auch in zahlreichen Referaten ­ aus Sorge darüber, dass das Wachstum einfach nicht mehr richtig in Gang kommen will.

Als klassisch geschulter Ökonom weiss Jean-Pierre Roth auch, wer das Wachstum in Gang bringen soll: die Beschäftigten. Indem sie während der Arbeitszeit ­ dank dem Einsatz neuer Technologien ­ mehr produzieren. Das war in der Vergangenheit so, das gilt in der Zukunft erst recht. Denn die Zahl der Erwerbstätigen wird aus demografischen Gründen sinken, also müssen weniger Köpfe noch mehr leisten. Das wird schwierig sein, und deswegen wird das mögliche Wirtschaftswachstum in Zukunft etwas tiefer ausfallen. Genau das sagen die langfristigen Prognosen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco): Die potenzielle Zuwachsrate des Bruttoinlandprodukts sinkt von den heute 1,5 Prozent auf 1,0 Prozent (bis 2015), dann auf 0,5 Prozent (bis 2025). Es sei denn, die weniger werdenden Beschäftigten würden mehr Einsatz leisten. «Mehr Arbeitsstunden oder ein höheres Rentenalter, diese Debatte ist längst nicht vorbei», prophezeit Jean-Pierre Roth.

Laut den Statistiken hat die Schweiz heute zwar eine sehr hohe Erwerbsquote, sogar eine der höchsten der Welt. 88 Prozent der Männer sind erwerbstätig, 74 Prozent der Frauen. Beide Werte sind so hoch, dass sie kaum mehr gesteigert werden können. Hinzu kommt: Auch die Arbeitszeit ist lang, sehr lang sogar, zumindest die offizielle. Sie beträgt etwa 42 Stunden die Woche oder 8,4 Stunden am Tag.

Nur, das ist ein theoretischer Wert. Einige Leute ­ «die Karrieristen» ­ schauen gar nicht auf die Uhr. Daneben gibt es aber viele andere: «die Teilzeiter». Rechne man die Erwerbstätigkeit auf das effektiv erreichte Stundenvolumen um, liege die Schweiz aufgrund der starken Verbreitung niedriger Teilzeitstellenprozente kaum über dem europäischen Durchschnitt, heisst es in einer Studie der Credit Suisse.

Konkret: Die effektive Arbeitszeit pro erwerbstätige Person ist auf 6,6 Stunden pro Tag gesunken. Die Schweiz liegt damit weiterhin knapp vor Frankreich oder Deutschland. Aber die Irinnen und Iren arbeiten mehr (7,2 Stunden im Durchschnitt), die Finninnen und Finnen noch mehr (7,3 Stunden), ganz zu schweigen von den US-Amerikanerinnen und -Amerikanern (7,8 Stunden), den Spanierinnen und Spaniern (7,9 Stunden). Mit Abstand am fleissigsten sind heute die Bewohner im neuen Europa. In Polen beträgt die durchschnittliche effektive Arbeitszeit der Erwerbstätigen 8,5 Stunden, in Tschechien und in der Slowakei 8,6 Stunden. Diese Zahlen stammen von der OECD ­ Avenir Suisse, der Think-Tank der Wirtschaft, schliesst daraus: «Schweizerinnen und Schweizer arbeiten nicht viel, aber viele Schweizerinnen und Schweizer arbeiten.»

Warum entwickelt sich ausgerechnet die Schweiz zum Teilzeitparadies? Warum arbeiten zwar fast alle Leute, aber so viele nicht voll? Es gibt dazu mindestens drei Erklärungsansätze, die auf den ersten Blick alle etwas stutzig machen ­ aber auf das Wohlstandsland Schweiz mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen.

1. Paradox: Je höher der Lohn ist, umso weniger sind die Menschen an Arbeit interessiert.

Von Ökonomen hört man gewöhnlich das Gegenteil. Die meinen: Steigt der Preis, steigt auch das Angebot. Je mehr ein Bauer für ein Schwein kriegt, desto mehr Schweine züchtet er. Warum also sollten Menschen weniger Arbeit anbieten, sobald der Preis ihrer Arbeit, der Lohn, steigt?

Der britische Ökonom und frühere Journalist Robert Giffen (1837­1910) beobachtete Haushalte, die am Existenzminimum lebten. Ihm fiel auf, dass just diese Leute sich nicht immer nach dem Lehrbuch der Ökonomen verhielten. Stieg der Preis von Kartoffeln, wollten arme Leute plötzlich mehr Kartoffeln kaufen. Warum bloss? Weil Kartoffeln ein Grundnahrungsmittel sind, zum Überleben notwendig. Infolge des gestiegenen Preises mussten die Leute mehr Geld für die Kartoffeln ausgeben.

Damit blieb ihnen weniger Geld übrig für anderes, weniger Notwendiges: also zum Beispiel für Fleisch oder Brot. So verzichteten sie auf Fleisch, um sich dadurch wenigstens zusätzliche Kartoffeln ergattern zu können. Seit Giffen spricht man in der Ökonomie von «inferioren» (= niederen, untergeordneten) Gütern. Eigentlich unbeliebt, aber im Notfall sind wir darauf angewiesen.

Arbeit ist etwas wie Kartoffeln. Etwas «Inferiores», das man sich nur wünscht, wenn es einem schlecht geht. Notfalls wollen die Leute sogar umso mehr arbeiten, je tiefer der Lohn ist. Das wird dann zur Überlebensfrage. Steigt der Wohlstand jedoch an, tritt der wahre Kern der Arbeit ans Licht. Die Leute wollen lieber verzichten ­ trotz oder gerade wegen der gestiegenen Löhne.

Die umgekehrte Wertschätzung erhält die Freizeit: Sie erhält einen höheren Wert, je reicher eine Gesellschaft ist. Sobald die Leute einen höheren Lohn bekommen, wollen sie weniger arbeiten, um die Freizeit zu geniessen. Und weil «Genuss» als etwas typisch Europäisches gilt ­ zumindest aus europäischer Sicht ­, dient «Genuss» gar zur Erklärung des Phänomens, warum Europäer weniger lang arbeiten als US-Amerikaner. Und was ist mit den Polen, Tschechen oder Slowaken? Die sind noch auf einer andern, tieferen Entwicklungsstufe.

Auf einem andern Stern leben die reichen Erben, von denen es in der Schweiz einige gibt. Die müssen überhaupt nicht mehr, wenn sie nicht wollen. Gemäss einer amerikanischen Untersuchung ist eine Person, die mehr als 150000 Dollar erbt, viermal eher bereit, auf Arbeit zu verzichten, als eine andere, die weniger als 25000 Dollar erbt. Der junge Harvard-Professor N. Gregory Mankiw erwähnt diese Erkenntnis in seinem berühmten Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre»: um seinen Studenten auf der ganzen Welt zu zeigen, dass Arbeit etwas Inferiores ist. Etwas Niederes. Tut man nur, wenn man unbedingt muss.

2. Paradox: Gerade Personen, die weniger verdienen, haben nichts davon, wenn sie sich etwas mehr anstrengen.

«Warum arbeiten Amerikaner so viel länger als Europäer?», fragt der Nobelpreisträger für Ökonomie des Jahres 2004, Edward C. Prescott aus den USA. Seine wenig originelle Antwort: «Weil die Steuersätze in Europa zu hoch sind.» Er stützt sich dabei auf die Grenzsteuersätze ab und meint damit jenen Anteil, den der Staat vom zusätzlichen Einkommen nimmt. Prescott im Originalton: «Wenn eine Person in Deutschland oder Frankreich 100 zusätzliche Euro verdienen will, nimmt ihr der Staat 60 Euro wieder weg.» Ein solches System reize niemanden, sich zusätzlich anzustrengen.

In der Schweiz sind die Steuersätze nicht gar so hoch wie in Frankreich oder Deutschland; daran kann es nicht liegen. Bei uns spielt jedoch ein zweiter Effekt negativ mit: Die unteren Einkommen erhalten heute einige einkommens- und vermögensabhängige Transfers. Der Clou dieser Transfers besteht darin: Sie wirken auf zusätzliche Arbeit so abschreckend wie ein gewöhnlicher Grenzsteuersatz. Denn je mehr Lohn ein Haushalt mit tiefem Einkommen erzielt, umso weniger Transfers kriegt er. Verschärft wird das Problem dadurch, dass die vielen Transfers untereinander kaum koordiniert sind; kein Politiker hat die Übersicht.

Zum Beispiel die Krankenkassenverbilligung. In den meisten Kantonen kommt eine vierköpfige Familie bis zu einem Nettolohn von etwa 80000 Franken zum Zug. Steigt ihr Einkommen nur einen Franken über diese Grenze hinaus, verliert sie eine Subvention von 2000 bis 4000 Franken. Also achten alle Familien, die sich in diesem Bereich bewegen, auf solche fixen Grenzen. Lieber Teilzeit lautet die Losung.

Oder die Alimentenbevorschussung. Alleinerziehende geschiedene Frauen, bei denen der Mann keine Alimente zahlt, müssen in den meisten Kantonen pingelig darauf achten, dass sie ja nicht mehr als 45000 Franken netto im Jahr verdienen. Sonst werden ihnen die Alimente vom Staat nicht mehr bevorschusst, was im Jahr bis zu 10000 Franken ausmachen kann. Schon wieder: lieber Teilzeit.

Am Ende winkt die Sozialhilfe. Rechnet man alle ihre Leistungen zusammen, vom Lebensunterhalt über die Miete bis zur Krankenkasse, zur Franchise und zu den Kosten für die Brille oder den Zügelbeiträgen, dann erhält eine alleinstehende Person im Monat 2800 Franken, eine vierköpfige Familie 5400 Franken im Monat, wie der Sozialdienst der Stadt Bern errechnet hat. Hier lautet dann die Losung oft: lieber gar nicht mehr arbeiten.

Inzwischen wird sogar der obere Mittelstand von diesem Prozess erfasst: Vor allem Familien mit Kindern müssen aufpassen, nicht «zu viel» zu verdienen. Das rechnet sich dann zum Beispiel so: Bei einem verheirateten Paar mit zwei Kindern arbeitet der Mann 100 Prozent, die Frau 40 Prozent. Nun möchte die Frau ihr Pensum auf 80 Prozent erhöhen. Damit steigt das Lohneinkommen von 130000 Franken auf 150000 Franken, eine schöne Steigerung. Doch die Quittung präsentiert sich so: Neu müssen die Kinder statt für zwei für vier Tage in der Woche in die Krippe oder in den Hort.

Entscheidend ist aber, dass der Tarif meist progressiv steigt, parallel zum Einkommen. Vorher kostete die Betreuung der zwei Kinder während zweier Tage in der Stadt Zürich 15000 Franken ­ von nun an, beim höheren Einkommen, kosten zwei Kinder an vier Tagen 38000 Franken. Die Steuern steigen selbstverständlich ebenfalls progressiv an. Für Bund, Stadt und Kanton Zürich steigt der Gesamtbetrag von 12000 auf 17000 Franken; hier schlägt die berühmte «Heiratsstrafe» zu, die der Bundesrat nun beseitigen will, indem er die Verheirateten endlich mit den Unverheirateten gleichstellen will.

Noch gilt: Lieber arbeitet die Frau weiterhin nur 40 Prozent, auch wenn sie noch so gut ausgebildet ist. Zusätzliche Arbeit lohnt sich nicht ­ nicht nur wegen der Steuern, vor allem auch wegen des angeblich «sozialen» Tarifs bei den Kinderkrippen und Horten. Der Basler Ökonomieprofessor Silvio Borner rät seinen Studenten während der Vorlesung: «Überlegen Sie es sich gut! Entweder wollen Sie einmal ganz viel verdienen, oder Sie geben sich von Anfang an mit etwa 75000 Franken im Jahr zufrieden. Bis dahin zahlen Sie wenig Steuern, und Sie erhalten meist noch etwas Geld vom Staat, etwa Subventionen für die Krankenkasse. Nur ein bisschen mehr verdienen lohnt sich kaum. Wenn schon, dann müssen Sie viel mehr verdienen. Wenn Sie einmal so viel verdienen wie ein Herr Ospel, zahlen Sie zwar auch sehr viel Steuern ­ aber das kommt dann nicht so darauf an.»

Inzwischen gefallen sich auch Männer, gerade Akademiker, darin, nur noch 80 Prozent zu arbeiten; Frauen mit Kindern arbeiten sogar regelmässig nur 50 Prozent. Das ist mehr als nichts, aber zu wenig, um Karriere zu machen: «Halb drinnen ­ halb draussen» heisst der Titel eines Buchs der Zürcher Soziologin Marlis Buchmann, die damit sagen möchte: Vor allem Frauen würden gern mehr.

Brigitte Dostert, Monika Engler, Petra Huth, drei Volkswirtschafterinnen der Credit Suisse, fordern darum eine neue Familienpolitik. Denn Familienpolitik sei Wachstumspolitik. «Arbeiten muss sich lohnen», lautet ihre Maxime, gerade aus Sicht der Frauen. «Ein zusätzlicher Verdienst darf nicht durch die zusätzlich entstehenden Betreuungsauslagen für die Kinder oder durch den Wegfall von sozialen Transfers weggesteuert werden.»

3. Paradox: Wir haben zwar immer mehr Freizeit, aber trotzdem immer weniger Zeit.

Geschirrspüler, Steamer, Rasenmäherroboter; die Technik nimmt uns immer mehr ab, auch im Haushalt. Trotzdem klagen fast alle Leute, sie hätten immer weniger Zeit ­ und antworten auf die Frage, was wahrer Luxus sei, stereotyp mit: «Mehr Zeit!»

Warum ist das so? Das kommt von den Löhnen, die trotz kürzerer Arbeitszeit fröhlich gestiegen sind; erst seit 1990 ist diese Entwicklung etwas ins Stocken geraten. Aber zuvor ging’s prima: Schweizerinnen und Schweizer hatten laufend mehr Geld für den Konsum frei. Und bekamen prompt zu spüren: Konsum braucht Zeit. Ein gutes Essen im Restaurant zwei Stunden, ein Theaterbesuch drei, ja vier Stunden. Ein Klavier nützt nichts, wenn wir nicht die Zeit haben, darauf zu spielen; dasselbe mit der Filmkamera samt Software, der Skiausrüstung, dem Surfbrett, dem Tennisracket, dem Mountainbike; ganz zu schweigen von Büchern, CDs, Computerspielen. Oder den Filmen, die wir neu auf DVD-Festplattenrecordern speichern. Wir alle sammeln unendlich viele Dinge, für die wir einiges Geld ausgeben, die wir aber gar nicht nutzen können, weil uns die Zeit dazu fehlt.

Besorgen wir uns mehr vom Gleichen, sinkt der zusätzliche Nutzen erst recht: Ein Zweitauto bedeutet nicht mehr so viel wie das erste Auto. Die Ferienwohnung vermindert die Nutzung der Designerwohnung zu Hause. Selbstverständlich kann man versuchen, Verschiedenes gleichzeitig zu tun und mit dem iPod das Musikhören mit Spazieren zu verbinden. Aber wir stossen dabei an natürliche Grenzen.

Die Produktivität der Freizeitaktivitäten lässt sich nie so stark steigern wie die Produktivität während der Arbeitszeit. Dies hat der schwedische Ökonom Staffan B. Linder erkannt: «Typisch ist die Vorstellung, man würde mit steigendem Einkommen mehr von allem tun. Man kann vielleicht mehr von allem kaufen, aber es ist undenkbar, dass wir mehr von allem tun könnten.» Unter Ökonomen redet man seither vom «Linder-Effekt»: Mit zunehmendem Wohlstand wächst die Konsumzeit viel stärker an, als die Arbeitszeit sinkt. Folge: «Wir haben keine Zeit mehr.»

Das logische Ende dieser Entwicklung besteht darin, dass sogar das Nichtstun zum Konsumgut geworden ist. Indiz dafür ist das schier unendliche Angebot an Meditationskursen. Im «Victoria-Jungfrau-Hotel» in Interlaken kaufen sich die gestressten Gäste in der neuen Wellness-Anlage keine Behandlungsarten mehr, sondern «Zeit»: eine Stunde für 150 Franken, wobei man gleich ein paar Stunden hintereinander buchen muss, um aufgenommen zu werden. «Balance finden. Körper und Geist in Harmonie bringen. Innehalten. Zeit finden», lautet das Motto. Daraufhin erstellen die Betreuerinnen für den Gast ein individuelles, holistisches Programm, das Körper und Geist verbindet.

Die Arbeit wenigstens geht uns nicht aus. Nie. Im Endstadium mag die ganze Erwerbsbevölkerung in Erholungszentren tätig sein, in denen sich die einen Leute jene Zeit kaufen, welche die andern verkaufen. Aber die Arbeit bleibt uns erhalten, zum Glück.

«Zu viel» Freizeit macht nämlich auch nicht glücklich. Selbst die reichen Erben liegen nicht den ganzen Tag faul herum. Ob «Vermögensrentner», «Scheininvalide», «Sozialschmarotzer»: Alle diese Begriffe sind negativ gefärbt. Arbeit ist zwar ein niederes, inferiores Gut, aber schlimmer noch ist keine Arbeit; das nämlich wird in unserer Gesellschaft weiterhin nicht akzeptiert. Wir haben es vielleicht nicht nötig, selber das Brot zu backen; aber irgendjemand muss es backen, damit alle satt werden können ­ so viel vom Thema Volkswirtschaft versteht das Volk.

Selbstverständlich könnten sich die Leute in einem Wohlstandsland auch sagen: Wir haben doch längst genug. Fast alle Haushalte in der Schweiz besitzen eine Bohrmaschine. Die jährliche Auslastung dieser Geräte beträgt im Schnitt fünf bis acht Löcher. Warum nicht die Parole ausgeben: Lasst uns unsere Arbeitszeit reduzieren, weniger Bohrmaschinen produzieren und im Gegenzug unsere Freizeit dazu verwenden, uns gegenseitig auszuhelfen? Eine einzige Bohrmaschine reichte bequem für dreissig Haushalte ­ und trotzdem käme jeder einzelne Haushalt zu seinen fünf bis acht Löchern im Jahr.

Nur ist das kein realistisches Szenario. Die Leute müssten ja bewusst auf Bohrmaschinen, also auf Konsum verzichten ­ und die Schweiz in eine Art modernes Indianerreservat verwandeln wollen. Das aber wäre völlig neu. Während des bisherigen Wachstumsbooms, der mit einigen kurzen Unterbrüchen von 1945 bis 1990 gedauert hat, haben Schweizerinnen und Schweizer laufend mehr von allem verlangt ­ und auch laufend mehr von allem gekriegt: mehr Geld und mehr Freizeit. Also zum Beispiel mehr Angelruten und einige zusätzliche Momente, diese zu nutzen. All dies und vieles mehr gelang ­ ganz einfach deshalb, weil wir das dazu nötige Geld innert immer kürzerer Frist verdient haben.

Aber wenn wir das nicht mehr fertig bringen? Uns nicht weiter steigern können? Nicht mehr wachsen? Die Alternative ist unangenehm. Sie lautet: «Schweizer, arbeitet mehr!»

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